Von Glücksrittern, Pechvögeln und Taktikschülern

Lieber Wilhelm,

das waren ja seltsame Spiele gestern: Real siegt etwas glücklich, wenigstens angesichts der anhaltenden Drangphase der Petersburger in der 2. Hälfte. Bayern dagegen ist Lyon optisch überlegen, kann die Überlegenheit aber nicht in Tore ummünzen.

Was Real bot, kann man wohl nur Arbeitssieg nennen. Das ist zwar aller Ehren wert, und als Bayern-Fan wäre man derzeit froh um einen jeden Sieg, aber der Anspruch der Königlichen ist wohl ein höherer - wie deine Jubelarie um einen fruchtlosen Hackentrick von van der Vaart im SAZ-Bericht deutlich macht. Außerdem hatte Real das Glück, gegen die Russen in einer Phase antreten zu müssen, da die russische Liga in den Endspurt geht und die Spieler ausgelaugt sind, während Bayern im Mai, selbst am Ende der Kräfte, sich frisch in die Saison gestarteten und voll im Saft stehenden Russen gegenüber sah.

Kein Missverständnis: Das soll das Verdienst eines Siegs in Petersburg nicht schmälern, nur einordnen helfen: Im Frühjahr hätten die Königlichen dieses Spiel mit zwei Toren Unterschied verloren, weil die Petersburger Spieler die nötige Kraft und Konzentration im Abschluss gehabt hätten.

Bei Bayern wirbelte Klinsi mal wieder die halbe Mannschaft durcheinander - und warf damit aus meiner Sicht einen möglichen Sieg weg. Er ließ den frisch ernannten Kapitän Mark van Bommel auf der Bank und stellte stattdessen Martin Demichelis neben Ze Roberto auf die Doppelsechser-Position. Dass sich bereits Otmar Hitzfeld vergeblich (und unter großem Presse-Tamtam) daran versucht hatte, “Micho” diese Rolle schmackhaft zu machen, brachte Klinsmann offensichtlich ebensowenig zum Nachdenken wie die Tatsache, dass es in diesem Heimspiel nicht so sehr die defensive Stabilität gebraucht hätte als viel mehr die Präzision im Spiel nach vorne. Und genau für die steht Mark van Bommel.

Wie unwohl Demichelis sich auf der Position fühlte, demonstrierte er eindrücklich beim Gegentor: Als fehlte ihm 10 Meter weiter vorne als üblich das rechte Timing, ging er zum Kopfball gegen einen Juninho-Freistoss hoch, nur um die RÜbe sofort wieder einzuziehen und den Ball unfreiwillig ins eigene Tor zu verlängern. Dass die Stabilität im defensiven Mittelfeld obendrein auch nicht gegeben war, konnte man an den zahllosen Freistößen erkennen, die Juninho allesamt direkt in Richtung Strafraum drosch, sobald er von der Freistoßposition den gegnerischen Torwart auch nur sehen konnte.

Vor allem aber wurde die taktische Fehlleistung Klinsmanns im Offensiv-Spiel der Bayern deutlich. Martin Demichelis kann weder einen Steilpass spielen, noch das Spiel irgendwie anders schnell machen: dazu fehlen ihm als Innenverteidiger Auge und Präzision. Und gegen eine tief stehende Lyoner Abwehr hätte ein Mark van Bommel mit seiner sauberen Schusstechnik vielleicht irgendwann mal einen der zahlreichen ins Halbfeld abprallenden Bälle aufgenommen und in den Winkel genietet.

Dass Klinsmanns anderes Experiment, den jungen Breno in der Innenverteidigung zu lassen, gut ging, war gegen diesen Gegner mit seinen brandgefährlichen Offensichspielern nur dem Glück und der Ochsenarbeit von Lucio zu verdanken, der gestern für zwei Innenverteidiger arbeitete.

Hätte Bayern dieses Spiel verloren, wären die Fehler Klinsmanns vielleicht angesprochen worden. So überdeckte ein mäßiges Ergebnis die Diskussion, die früher oder später kommen muss. Spätestens Florenz dürfte die Münchener Schwächen gnadenlos und abgezockt aufdecken.

Mit herzlichen Grüßen,
surfguard

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1 Kommentar zu „Von Glücksrittern, Pechvögeln und Taktikschülern“

  1. probek.net sagt:

    Den Crash vermieden…

    Gedanken zum FC Bayern nach dem Spiel gegen Lyon
    Nach zwei Niederlagen in den letzten drei Spielen ist ein Unentschieden immerhin ein leichter Aufwärtstrend. Befreiungsschläge sehen aber anders aus. Chancen für ein 2:1 hat es zwar gegebe…

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